Diskussionsstoff #1 – Hörbücher – Entspannter SuB-Abbau oder Verschwendung guter Literatur?

Allgemein, Diskussionsstoff

Vorweg: Hallo an euch da draußen! Ich habe vor kurzem über dieses Thema nachgedacht und überlegt, ich könnte dazu mal einen Beitrag schreiben und mich mit euch austauschen! Mich würde es sehr freuen, wenn ihr eure Ideen und Meinungen in die Kommentare schreibt und auch wie euch dieses Format so gefällt! Wenn es euch gefällt, würde ich diese Idee gerne weiterführen, es gibt ja noch viele Themen die uns als Leser betreffen und über die es verschiedene Meinungen gibt. Diese Beiträge werden dann zwar immer etwas länger, aber es ist halt auch immer schwer, seine Meinung verständlich und gleichzeitig nicht zu lang auszudrücken. Ich freue mich schon auf euer Feedback und was ihr noch zu sagen habt! Danke! – Marlon


Beim Autofahren, beim Aufräumen, beim Lernen oder einfach nur zum Einschlafen – Hörbücher stellen für viele eine Ablenkung vom Alltagsstress oder einfach als Unterhaltung während vermeintlich unnötig genutzten Zeitfenster dar. Und auch für erklärte Leser werden sie immer wichtiger. Der Begriff SuB – Stapel ungelesener Bücher – wird immer bekannter, wächst aber auch immer schneller und soll zeitgleich schnellstmöglich wieder abgebaut werden. Dafür ziehen viele dann Hörbücher zur Hand. „Das kann man so schön nebenbei hören!“ und „Dann bin ich mit dem dicken Buch viel schneller durch!“, heißt es dann immer. Aber geht diese Rechnung auf und ist sie überhaupt sinnvoll? Sind Bücher genauso gut, wenn man sie vorgelesen bekommt, wie wenn man sie selbst liest?

Zuerst muss man natürlich sagen, dass jeder seine eigene Meinung und Erfahrungen zu diesem Thema hat. Bei mir fing es mit den Hörbüchern als Kind an, wo man sich von ‚Benjamin Blümchen‘ über die ‚Fünf Freunde‘ irgendwann zu den ‚Drei Fragezeichen‘ weiterentwickelt hat. Damals war es einfach ein interessantes, manchmal sogar spannendes, Nebenbei, während man LEGO gebaut hat… Ich mochte diese Atmosphäre; mochte, dass man jedes Mal mit den gleichen Personen eine neue Geschichte erleben und sogar zurückgehen konnte, um den Fall noch einmal zu hören.

Ansonsten waren Hörbücher eigentlich kein Thema für mich… Bis ich irgendwann in einem Youtube-Video gehört habe, dass man damit ja super seinen SuB abbauen kann. Dass ich damals ‚SuB‘ erstmal googeln musste, machte die Idee nicht weniger genial für mich. Sie war ja auch sehr plausibel – in der Zeit in der man nicht liest, hört man sich einfach das Hörbuch an, um in der Geschichte weiterzukommen oder eine weitere Erzählung separat zu erkunden. Also bin ich durch mein Bücherregal gegangen und habe geguckt, welche Bücher es auf Spotify oder in der Bücherei als Hörbuch gibt. Als ich dann einige zusammen hatte, ging es auch sofort los – Der iPod lag immer auf dem Schreibtisch, um ihn auch immer griffbereit zu haben, auf Spotify wurden Playlist der einzelnen Alben erstellt um einen besseren Überblick zu haben. Es ging auch gut los, ich hörte eine halbe Stunde und wenn ich dann im Buch nachschaute, wie weit das Kapitel denn im Buch liegt, stellte ich fest, dass ich schon wieder 50 Seiten weiter war. Und gleichzeitig konnte ich auch noch ein anderes Buch lesen und schaffte so in einer Woche zwei, anstatt nur einem Buch, wie es sonst der Fall war. Also war das Ziel erreicht: Schnellerer SuB-Abbau!

Doch je länger ich hörte, desto mehr stellte ich fest, dass doch nicht alles so super lief, wie es zu Anfang noch schien. Ich bemerkte, dass ich immer öfter zurückspulen musste, um etwas zu wiederholen, das ich nicht verstanden hatte. Das war nach einiger Zeit nervig und besonders bei Thriller verwirrend, wenn manchmal Dinge gesagt wurden, dessen Auslöser sich erst zum Ende des Buches aufgeklärte und man wie verückt hin- und her-spulte. Aßerdem hatte ich das Problem, dass ich einfach nicht mehr in die Geschichte reinkam, wenn ich einmal eine Pause gemacht hatte. Ich wusste einfach nicht mehr, was vorher passiert war, wer eine bestimmte Person war oder was schon gesagt wurde und worauf man noch warten musste – Ich musste wieder zurückspulen oder es dabei belassen und ‚auf gut Glück‘ weiterhören. Und auch im Nachhinein blieben mir die Bücher nicht so gut im Gedächtnis, wie ein normales Buch. Ich hatte keine Ahnung mehr, worum es ging – selbst der Klappentext half nur wenig – und hätte keine Frage mehr zu dem Buch beantworten können. Ich hätte auch keine Besonderheiten aus dem Schreibstil oder der Sprache wiedergeben können. Ich hatte auch fast gar kein Problem diese Bücher nach dem Hören weiterzugeben, sie bedeuten mir nichts. Es ging alles besondere verloren, war mir eventuell ansonsten lange im Gedächtnis geblieben wäre.  Die Bücher waren am Ende einfach nur noch eine leere Fläche, auf der ich mich noch an ein paar Szenen zurückerinnnerte, aber irgendwie hatte ich einfach keine Verbindung zu den Protagonisten, dem Autoren oder der Geschichte an sich. (Ich habe übrigens auch festgestellt, dass ich Bücher, die ich als Hörbuch gehört habe, immer schlechter bewertet habe, als mein Durchschnitt bei normalen Büchern.)

Das ist jetzt ein Jahr her. Seit meinem gescheiterten Versuch, meinen SuB mit Hörbüchern zu verkleinern, habe ich nicht wieder zu Hörbüchern gegriffen… Bis vor ein paar Monaten. Mein Lesegeschmack hat sich verändert und mein Leseverhalten auch und da wäre es ja auch nur logisch, dass mir Hörbücher jetzt vielleicht wieder zusagen. Deshalb habe ich mir das Hörbuch zu einem Buch auf meinem SuB besorgt und angefangen zu hören. Ja, ihr habt richtig gelesen „vor ein paar Monaten“. Genauer gesagt vor über zwei Monaten. Ende April habe ich das Hörbuch zu Mirage von Matt Ruff begonnen. Wenn ihr euch jetzt fragt, ob ihr die Rezension überlesen habt – Nein, habt ihr nicht – Ich habe es einfach immer noch nicht beendet.

Das Hörbuch umfasst 14 Stunden, drei Monate haben 2190 Stunden. Hallo? 14 Stunden sind etwas mehr als ein halber Tag, wieso bin ich da noch nicht durch?! Es sind wieder einmal die ganzen Gründe, die ich oben schon angeführt habe. Ich finde nicht wirklich in die Geschichte rein, vergesse Einzelheiten und nach einiger Zeit sogar das Gesamtbild und kann einfach keine Verbindung zu dem Buch aufbauen. Bin ich vielleicht zu unkonzentriert? Muss man Hörbücher wirklich mit voller Aufmerksamkeit angehen? Ich höre Hörbücher immer nebenbei, wenn ich gerade etwas anderes mache. Ist das ein Fehler? Wenn ich Freizeit habe, greife ich lieber zum Buch als zum Hörbuch. Hätte ich da schon ahnen müssen, dass dieses Experiment zum zweiten Mal scheitert?

Aber wieso haben mir die „Drei Fragezeichen“ Hörbücher dann so gut gefallen und tun es heute sogar manchmal auf Zugfahren oder ähnlichem? Der Unterschied ist, dass das keine Hörbücher sondern Hörspiele sind – Geschichten, die innerhalb von 2 Stunden von verschiedenen Personen auf einmal vorgelesen werden, die in die Rollen der Protagonisten schlüpfen. Gleichzeitig wird das ganze noch mit Geräuschen unterlegt, um es reeller erscheinen zu lassen.

Dass ich mich nicht so stark an die örbücher, wie an normale Bücher erinnere, ist irgendwie auch klar. Es ist sogar wisschenschaftlich bewiesen, dass beim Lesen – so wie unsere Lehrer es uns schon immer gesagt haben (-.-) – sich Dinge, die man selbst gelesen und die Buchstaben selbt verarbeitet hat, besser im Kopf einbrennen und man dadurch mehr von der Geschichte auf- und mitnimmt. Deshalb glaube ich auch, dass ich ein Hörbuch  wahrscheinlich schlechter sehe – oder mache – als wenn es ein normales Buch gewesen wäre.

Für mich ist das Thema jetzt erstmal wieder abgeschlossen. Ich werde Mirage noch beenden, dann aber vorzeitig den Hörbüchern abschwören. Meinen SuB werde ich dann auf normalem Weg abbauen und habe damit auch kein Problem mehr. Ich bleibe einfach weiterhin bei meinen „Drei Fragezeichen“, die ich dann auf der nächsten Zugfahrt wieder hören werde.


Mich interessiert es sehr, was ihr zu dem Thema sagt: Hört ihr Hörbücher? Wie kommt ihr damit klar? Lest ihr trotzdem noch Bücher? Ich freue mich schon auf eure Antworten!

© Marlon

Advertisements