Geister – Nathan Hill ~ Der neue Star der Literaturwelt?

Rezensionen

„Das Debüt eines großartigen Erzählers“ So ehrt Deutschlandfunk Nathan Hills Roman „Geister“. Schon als im Oktober 2016 die gebundene Ausgabe bei Piper erschien, erreichte sie eine begeisterte Leserschaft und wurde durch alle Medien hinweg gefeiert. Ein Buch, an dem der Autor elf Jahre gearbeitet hat, dass bei fast jedem Buchhändler die fünf Sterne erreicht und von Kolumnisten genauso wie von Bloggern gefeiert wird, kann ja eigentlich nur ein Meisterwerk sein! Das gleiche dachte ich mir auch und so habe ich mich sehr gefreut, als die Taschenbuchausgabe des Buches bei mir ankam. Oder wird das ganze vielleicht doch ein wenig aufgebauscht? Lest es hier in der Rezension nach!


Ein Anruf der Anwaltskanzlei Rogers & Rogers verändert schlagartig das Leben des Literaturprofessors Samuel Anderson: Nach dem tätlichen Angriff auf den republikanischen Präsidentschaftskandidaten braucht seine Mutter dringend Samuels Hilfe – doch die beiden haben sich seit über zwanzig Jahren nicht gesehen. »Geister« ist ein allumfassender, mitreißender Roman über Liebe, Unabhängigkeit, Verrat und die lebenslange Hoffnung auf Erlösung, ein Familienroman und zugleich eine pointierte Gesellschaftsgeschichte von den Chicagoer Aufständen 1968 bis zu Occupy Wall Street. (Klappentext – Piper)


  • Geister – Nathan HillGeister - Nathan Hill
  • Taschenbuch, 864 Seiten
  • Erschienen am: 01.12.2017
  • ISBN-13: 978-3-492-31198-4
  • Piper – Verlag (Website)
  • Originaltitel: The Nix (Englisch)
  • Preis: [D] 14,00*

Nathan Hill ist wirklich einer der ganz großen Erzähler. Dies merkt man schon jetzt nach seinem ersten Buch. Der Art-Seidenbaum-Award-Gewinner von 2017 beschreibt virtuos die Geschichte rund um einen Mann, der seiner Mutter helfen soll, nachdem diese einen Präsidentschaftskandidaten angegriffen hat. Dabei trifft er sie nicht nur zum ersten Mal, seit sie ihn als Kind verlassen hat, sondern wickelt auch ihre gesamte Lebensgeschichte neu auf. Jedoch muss man sagen, dass der Plot, der auf dem Klappentext beschrieben wird, nur relativ wenig Platz einnimmt. Vielmehr webt er als roten Faden die Erzählungen der Kindheit der Mutter, ihres Sohnes und wie dieser sein Leben heute lebt zusammen (und es gibt noch viel mehr Aspekte und Personen, die beleuchtet werden). Die Hauptstory rund um den Anschlag auf den Gouverneur bringt alles ins Rollen und schließt als Klammer am Ende auch alles wieder ab.

Bis man aber ans Ende des Buches gelangt, erlebt man als Leser so einiges. Manchmal entspannt und sogar romantisch, dann wieder rasant und brutal, erfährt man von den Studentenprotesten der Sechziger, dem Sich-selbst-Vergessen eines Computersüchtigen oder einfach nur dem engen Korsett aus gesellschaftlichen Regeln und Normen, verteilt auf wenige Tage von 1950 bis 2011. Flüssig wird der Leser durch das Leben von drei Generationen einer Familie geführt (ohne ein historischer Roman zu werden) und erzeugt so einen Querschnitt der amerikanischen Gesellschaft mit all seinen Facetten, in dem sogar die Nebencharaktere ein komplett eigenes Leben und Eigenheiten erhalten. Durch das scharfe Zeichnen seiner Figuren hält Nathan Hill seinen Lesern den Spiegel vor und zeigt die verschiedenen, manchmal trügerische Seiten des Menschen auf.

Das Buch lebt aber nicht nur durch seine ausschweifende Geschichte, sondern auch durch die komplizierten und verschachtelten Satzkonstruktionen. Hervorragend übersetzen Werner Löcher-Lawrence und Katrin Behringer auch diese Eigenheiten und machen das Werk somit zu einem sehr lesbaren und gleichzeitig sprachlich spannenden Buchauch für deutsche Leser! Fast 900 Seiten sind schon viel Text, doch Nathan Hill weiß diese zu füllen. Von Anfang an wird klar: Das hier ist kein hingeworfenes Familiendrama! Ohne dass es unangenehm auffällt, greift er manchmal so weit in der Geschichte aus und hängt einen Nebensatz an den nächsten, um seitenlangen Gefühlsausbrüchen Ausdruck zu geben. Wie ausholend und detailverliebt er dabei Dialoge beschreibt, ist wirklich unglaublich und gibt dem Buch eine ganz eigene Dynamik.

Spannend wird die Geschichte rund um Samuel Anderson von Anfang an aufgebaut, um am Ende endlich einen Sinn zu ergeben und alles aufzudecken. Dabei ist es aber nicht so, dass man während des Lesens die ganze Zeit auf die Auflösung wartet, sondern vielmehr von den immer wieder neuen Handlungen auf den über 800 Seiten gepackt wird und nur selten einen Gedanken an den Schluss des Buches verliert. Als ich dann aber wirklich den letzten Seiten des Buches näher kam, war es mir fast schon ein wenig zu plötzlich. Das mag auch an dem Kontrast liegen, dass man das ganze Buch hindurch die einzelnen Geschichten der Charaktere erkundet, um dann am Ende alles in einem einzigen Kapitel, einem einzigen Dialog, erklärt zu bekommt, wodurch alles so einfach aussieht und man sich fragt: „Wie hat der Autor es geschafft, das so zu verheimlichen?“

„Laura sitzt starr und aufrecht da, wachsam, das Gesicht kalt, das Weinen ist wie abgeschaltet. Es kann nicht genug darauf hingewiesen werden, wie schnell das ging. Samuel muss an einen Ausdruck denken, den er auf Gemüsepackungen im Lebensmittelladen gesehen hat: schockgefroren.“

Man kann das Buch natürlich so auf Sprache und Rhetorik untersuchen, wie ich es getan habe, kann etwas ganz großes der Gesellschaftskritik in diesem Roman sehen, aber viel wichtiger ist wohl für viele: Es unterhält auch einfach sehr gut! Zwar ist es toll zu sehen, wie ein Autor es direkt in seinem ersten Buch schafft, ein Kapitel über 17 Seiten mit einem einzigen, endlos ineinander verschachtelten und zusammengefügten Satz zu füllen, nur um dann zu Intervallen von 1,5-Seiten langen Kapiteln zu wechseln und beeindruckend, wie er scheinbar unbemerkt zwischen Präsens und Präteritum wechselt, aber er schafft es genauso, seine Leser zu packen und zusammen mit den Protagonisten an sein Buch zu fesseln. Zwar muss ich zugeben, dass ich mich aufgrund des ausschweifenden und ausholenden Schreibstils auch hin und wieder zum Lesen überreden musste, aber es war einfach jede einzelne Stunde und Seite wert! Besonders je näher man dem Ende kommt, desto rasanter wird es und lässt einen als Leser nicht mehr aufhören. Außerdem sind einige der Charaktere einfach auf eine Art witzig, dass ich besonders am Anfang des Buches sehr häufig schmunzeln musste – ohne, dass es die Geschichte oder die Figuren selbst ins Lächerliche zieht.

Hier noch ein sehr interessantes und gut geführtes Interview mit Nathan Hill!


Nathan Hill liefert ein ausdrucksstarkes Buch über das Wegrennen, Verlust und Verzeihen ab, an dem sowohl Roman-Fans, als auch Sprach-Analytiker ihre Freude haben werden. Tief taucht er in die einzelnen Lebensgeschichten jedes einzelnen Charakters ein und verwebt schlussendlich alles miteinander zu einem dichten Netz aus unterschiedlichen Geschichten, die zu Anfang alle anders erscheinen, zum Ende aber alle die gleichen Muster aus Ablehnung und Schmerz aufzeigen. Dies muss man mögen, aber wenn man das tut, wird man hier gar nicht mehr aus dem Schwärmen kommen! – Ganz klar: 5/5 Sterne
© Marlon

*Vielen Dank an den Piper-Verlag, der mir das Buch freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.

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