Walt Whitman – Jack Engles Leben und Abenteuer

Allgemein, Rezensionen

Als Zachary Turpin 2016 „Life and Adventures of Jack Engle“ entdeckte, wurde es als Welt-Sensation gefeiert. Denn – anders als gedacht – wurde der 1852 erschienene Zeitungsroman als Autobiographie des Poeten Walter Whitman aufgedeckt. Ein neues Werk Whitmans – einem Autor, der als einer der Ur-Autoren Amerikas gilt. Doch war es nur der gute Name oder ist die Geschichte wirklich so herausragend?


„Ein unbekannter Roman Walt Whitmans, der ein multikulturelles Amerika preist – eine Weltsensation zur rechten Zeit.“ Wieland Freund

Humorvoll-lakonisch erzählt Walt Whitman eine klassische Aufstiegsgeschichte in der Tradition des großen Charles Dickens, allerdings in der Neuen Welt, mitten in New York. Er schildert die Schattenseiten der rasant wachsenden Metropole, verschweigt weder das Elend der Notleidenden noch die Korrumpierung derer, die an der Wall Street zu schnellem Geld gekommen sind. Doch vor allem feiert er in seinem „Jack Engle“ uramerikanische und urdemokratische Tugenden: den Glauben an den unveräußerbaren Glücksanspruch des Einzelnen, die Zuversicht und den Pioniergeist der kleinen Leute, ihren Mut zur Improvisation und nicht zuletzt die alles überragende Leitidee der Einwanderernation – sich gemeinsam, ohne Ansehen von Herkunft, Stand oder Religion, aufzumachen in eine bessere Zukunft.

1852 als Fortsetzungsroman im „Sunday Dispatch“ erschienen und erst 165 Jahre später als Schöpfung Walt Whitmans identifiziert – ein kleines Wunder der Weltliteratur! 2017 ist sie erstmals in deutscher Übersetzung zu entdecken, die Lebensgeschichte eines Waisenjungen, der auf den Straßen New Yorks lernt, sich mit Fäusten, flinker Zunge und viel Köpfchen zu behaupten. Keine ganz gefahrlose Sache in diesem brodelnden Eldorado der Überlebenskünstler aus aller Herren Länder … (Klappentext – Manesse)

  • Jack Engles Leben und Abenteuer – Walt Whitman
  • Gebundene Ausgabe
  • 192 Seiten
  • ISBN-13: 978-3717524502
  • Manesse – Verlag
  • 22.05.2017
  • [D] 22,00 €*

Der Klappentext hat mich sofort begeistert – „Ein […] Roman […], der ein multikulturelles Amerika preist“ – Das klingt doch nach einem unruhigen New York, mit staubigen Straßen, riesigen Hochhäusern, überlaufenen Straßen, lauter Musik und schreienden Martkhändlern. Da musste ich das Buch sofort lesen! Doch jetzt, nachdem ich das Buch gelesen habe, weiß ich nicht, was ich dazu schreiben soll. Ich habe so viel während des Lesens aufgeschrieben und doch sind es alles nur Kleinigkeiten, die irgendwie nicht wirklich wichtig und von Gewicht sind und doch muss ich meine Meinung belegen. Ich sage es direkt: Es hat mich enttäuscht.

In dem Buch, welches Whitman selbst als Autobiografie bezeichnet,  begleiten wir Jack Engles, einen Jungen, der ohne Eltern zwischen Armut und Elend aufgewachsen ist, bis er doch eines Tages von einem Milchmann und seiner Frau aufgenommen wird. Als Gegenleistung soll er in die Lehre bei einem Rechtsanwalt gehen – Eine langweilige, reizlose Lehre, die Jack überhaupt nicht interessiert – er würde seine Zeit viel lieber mit der schönen Theatertänzerin verbringen. Doch dann bemerkt er, dass der alte Anwalt mehr verheimlicht, als es zuerst scheint…

Was sich immer noch sehr gut und sogar schon spannend wie ein Krimi anhört, konnte mich nicht überzeugen. An Whitmans Schreibstil musste ich mich erstmal gewöhnen. Seien es nun Sätze wie: „(…) womit das erste Kapitel endet“ oder die Weise, dass sich der Autor dem Leser zu Beginn des Buches vorstellt, all dies sind Dinge, die heute gar nicht mehr in Büchern zu finden sind, wie ich aber vor kurzem feststellen musste, wohl zu gewissen Zeiten sehr geläufig waren. Dabei erzählt Whitman manchmal in der dritten Person, manchmal aber auch aus der Ich-Perspektive. Generell würde ich sagen, schreibt er eher umgangssprachlich und wechselt sich zwischen kurzen, wortkargen und langen, mit vielen Aufzählungen gestreckten Sätzen, ab. Dabei ist es aber eine komische Mischung von sehr genauen und detaillierten Beschreibungen und dann wieder ganz vagen und groben. Manche Szenen beschreibt er auch einfach zu kurz (oder wie er es nennt „erspart“ sie dem leser) und man fragt sich, ob denn da nicht noch was fehlt oder ob er nicht wenigstens ein wenig genauer schreiben könnte. Genauso komisch ist es, wenn er wieder einen seiner losen Zeitsprünge macht – man muss bedenken, die Geschichte erstreckt sich über zwei Jahre – etwas, was ich auch nicht erwartet hatte. Dadurch, dass es einfach an Ortsbeschreibungen mangelt, lag es auch wohl, dass ich mir die Geschichte zu keiner Zeit in der unruhigen Metropole New York vorgestellt habe, wie es der Klappentext und das Cover versprechen. Von der ersten Seite spielte sich der Plot in meinem Kopf in einer verschlafenen, mittelalterlichen Hafenstadt ab – was wahrscheinlich das beste Zeichen dafür ist, dass Whitmans Schreibstil hierbei etwas zu wünschen übrig gelassen hat. Neu war für mich auch, dass ein Autor zu Beginn jeden Kapitels in einigen Stichworten zusammenfasst, worum es in dem folgenden Abschnitt geht – für mich waren diese kurzen Aufzählungen oft besser und sogar greifbarer als das ganze Kapitel an sich, was mich irgendwie ratlos zurücklässt.

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Dass es sich hierbei um einen autobiografischen Roman handelt, merkt man dafür jedoch hin und wieder. Jack deckt seine – oder Walt Whitmans – Herkunft auf, dokumentiert politische Debatten und kritisiert mit spitzer Zunge New Yorker Gruppen und Personen, wobei er jedoch immer die Namen geändert hat und nur Andeutungen zurücklässt, wie er es auch im Vorwort erklärt. Nebenbei bedankt er sich bei alten Weggefährten, betet für Verstorbene und wechselt dafür sogar manchmal ins „du“ um diese Personen direkt anzusprechen. Gefallen hat mir, dass Whitman im letzten Kapitel noch mal zusammenfasst, wie es allen – wirklich allen – Charakteren, die vorgekommen sind, nach dem Abenteuer erging und wie sie ihr Leben weiterführten. Ein Plus an den Manesse-Verlag gibt es auch wieder einmal für den Anhang und das Nachwort, welche meiner Meinung nach gut gewählt und zusammengestellt wurden. Woher Wieland Freud jedoch das „multikulturelle Amerika“ nimmt, erschließt sich mir nach dem Lesen des Buches nicht.

Ich glaube, im großen Ganzen schreiterte es einfach daran, dass es ein Zeitungsroman war. Hätte er die Geschichte länger ausgebreitet und mehr aus ihr herausgeholt, anstatt sie zu ausdruckslosen Kapiteln einzudampfen, wäre da noch viel mehr möglich gewesen – Schade.


Ein Buch, dass mich enttäuscht hat. Ich hatte die Geschichte eines Zwölfjährigen in der Weltmetropole New York erwartet und den Alltag eines Einundzwanzigjährigen in einer mittelalterlichen Hafenstadt bekommen – 2/5 Sterne

©Marlon

* Vielen Dank an den Manesse-Verlag, der mir das Buch freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat!

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